Befreiung aus der Drückerkolonne 
 
Eigentlich begann alles mit einem Telefonanruf aus Österreich. Es war Hochsommer und ist schon so etwa fünfzehn Jahre her. Ein Cousin meiner Frau lebt bei Linz in Österreich, ist dort verheiratet und hat vier Kinder, zwei Buben und Zwei Mädchen. Alle Kinder waren damals bereits Volljährig und hatten mal mehr und mal weniger eine Arbeit, so dass die Familie nicht gerade aus dem Vollen schöpfen konnte. Auch wenn wir uns nur etwa alle zehn Jahre einmal besuchten, hatten wir trotzdem ein herzliches Verhältnis. Nun kam dieser besagte Anruf aus Österreich, der unseren ausklingenden Feierabend innerhalb von Minuten total aus den Angeln heben sollte. Völlig aufgeregt und mit den Tränen kämpfend, teilte uns die Frau des Cousins mit, dass Ihr Sohn, der sich um eine neue Arbeit bemüht hatte, unter falschen Versprechungen in eine Zeitschriften Drücker Kolonne geraten sei. Durch einen kurzen Anruf von Ihrem Sohn, habe sie erfahren, dass sich die ganze Kolonne, die wohl aus etwa acht Leuten bestand, zurzeit in unserem Gebiet aufhalten soll. Da Ihr Sohn nur den Namen der Gastwirtschaft wusste, in der sie abgestiegen sind, nicht aber die Örtlichkeiten in der sie sich befanden, hatten wir keinen weiteren Anhaltspunkt, der uns weiter helfen konnte. Sie bat uns so eindringlich, doch zu versuchen ihr zu helfen, oder vielleicht irgendetwas heraus zu finden, das wir einfach ihre Bitte nicht abschlagen konnten. Da es ihr von Österreich aus, fast unmöglich erscheine irgendetwas zu erreichen, blieb uns natürlich gar keine andere Wahl.
Natürlich versprachen wir alles Mögliche zu unternehmen um den Aufenthalt der Drücker Kolonne heraus zu bekommen. Da es aber bereits Abend war und die Zeit schneller verstrich als es uns lieb war, wurden wir immer nervöser, weil wir ja wussten das sich die Kolonnen meistens nur eine Nacht, oder einen Tag, in einem Ort aufhalten, um dann sofort wieder zu verschwinden. Mit allen Ortschaften, in denen sich Gaststätten mit den genannten Namen der Wirtschaft befanden, versuchten wir telefonisch zu erfahren, ob sich bei ihnen eine Gruppe von jungen Männern einquartiert habe. Leider konnte uns niemand weiter helfen, so dass wir auch noch die Polizei um Hilfe baten. Aber auch hier konnte man uns nicht helfen, da ja keine Anzeige gegen die Gruppe vorlag und somit kein Handlungsbedarf bestand. Wie gerne hätten wir unserer Verwandtschaft geholfen, da wir ja aus Funk und Fernsehen bereits wussten, wie es in so einer Drücker Kolonne zu gehen soll, falls die Informationen stimmten. So verging Stunde um Stunde und wir standen immer noch am gleichen Punkt. Da in unserem Bekannten Kreis sich auch zwei Kripo Beamte befanden, versuchen wir es auch da einen Rat einzuholen, aber auch hier war keine große Hilfe zu erwarten und so schien alles aussichtslos und unlösbar. Es war wohl schon fast Mitternacht, als plötzlich wieder das Telefon klingelte, um uns mit zu teilen, das ihr Sohn noch mal angerufen hat und ihr die Ortschaft mitgeteilt hat und dann sofort wieder aufgelegt hat. Wie und wo er das geschafft hatte, eine Nachricht abzusetzen, war uns zu diesem Zeitpunkt völlig schleierhaft. Aber endlich hatten wir einen Anhaltspunkt mit dem wir etwas anfangen konnten. Natürlich war die Ortschaft ganz wo anders und viel weiter weg von uns, als wir überhaupt für möglich gehalten hatten, aber das war jetzt alles nebensächlich. Nun hieß es schnell handeln, aber wie, oder vor allen Dingen wie machen wir es richtig. Jetzt nur keinen Fehler machen, damit die ganze Aktion nicht gefährdet wird. Ich entschloss mich erst einmal die Gastwirtschaft anzurufen um mich abzusichern. Es stimmte also, die Gruppe war hier abgestiegen und hat für eine Nacht gebucht. Als ich Ihr meine ganze Geschichte erzählte, meinte sie, dass die Truppe aber sehr früh frühstücken wolle, um dann weiter zu reisen. Darauf hin, rief ich noch die dortige  Polizei an, um ihr den Sachverhalt zu schildern. Man sagte mir zwar Hilfe zu, falls es zu einem Zwischenfall kommen sollte, sie aber zu diesem Zeitpunkt leider gegen die Leute nichts unternehmen können, da ja zurzeit nichts gegen sie vorlege. Da man die Wirtschaft sowie die Besitzerin kenne, werde man die Information zur Kenntnis nehmen und ein Augenmerk darauf richten. Nun stand ich also wieder ohne eine richtige Hilfe da. Was sollte ich jetzt bloß machen. Es war eine kurze und unruhige Nacht, denn alle Entscheidungen lagen nun von meiner Handlungsweise ab. Ich wälzte in dieser Nacht das Problem von einer Vorgehensweise zur nächsten, überlegte, was mich bei dem zusammentreffen erwarten wird und mit wem ich es zu tun haben werde? Trotz allen Bedenken, faste ich meinen Entschluss, ich fahre hin und hole den Jungen da raus. Zwar wusste ich noch nicht genau wie, aber ich hatte den festen Willen diesen Auftrag auszuführen. Endlich wurde es Morgen und ich konnte zur Tat schreiten, denn das ewige Gegrübel und Für und Wieder, machte mich ganz verrückt. Ich verabschiedete mich von meiner Frau mit einem mulmigen Gefühl, denn niemand konnte mir sagen, wie die Sache am Ende ausgehen wird. Ich musste also sehr früh losfahren, denn die Wirtin sagte mir ja, dass sie alle sehr früh frühstücken wollten. Außerdem musste ich ja auch noch die Wirtschaft in dem Ort suchen. Gott sei Dank fand ich alles verhältnismäßig schnell und auch die VW – Busse und der Daimler mit ihren identischen Autokennzeichen zeigten mir, hier bin ich richtig. Ich parkte mein Auto etwas abseits und schlich wie ein Dieb um das Gebäude. Es dauerte nicht sehr lange, als eine Frau aus dem Haus trat und aus einem Winkel des Schuppens, einen Beutel mit Frühstücksbrötchen herausholte. Sofort trat ich auf die Frau zu und gab ihr mein Vorhaben kund. Da wir ja schon am Tag vorher telefoniert hatten, war ihr ja schon die Sachlage bekannt und so bad sie mich auch sofort in die Wirtschaft. Sie sagte, dass sie die Wirtin sei und wenn sie ein Kind in dieser Lage hätte, auch alles dafür tun würde, um es aus dieser Situation zu befreien. Auf der anderen Seite sei die Vermietung der Zimmer ja ihre berufliche Existenz und kann sich ihre Mieter nicht immer aussuchen. Danach wies sie mir einen Platz zu, der nicht gleich beim betreten des Raumes einzusehen war. Ich fragte sie, ob sie mir den Jungen Mann herschicken könne, oder ob die Vertreter alle zusammen schliefen. Ich sagte ihr den Namen des Jungen und sie meinte, dass es kein Problem wäre, da sie ja die Gäste jetzt so wie so wecken müsse und der Chef in einem separaten Zimmer nächtige. Es dauerte nicht lange und es kam ein junger Bursche in die Wirtsstube zu mir. Da ich ihn aber schon einige Jahre nicht mehr gesehen hatte, wollte ich natürlich ganz sicher sein, das ich auch den richtigen, also unseren Verwandten vor mir habe. Der optische Eindruck sagte mir sofort, das ist der Junge, denn wenn auch einige Jahre vergangen waren, eine Ähnlichkeit bleibt ja doch immer erkennbar. Aber trotzdem stellte ich ihm die Fragen nach dem Namen seiner Mutter, dann nach dem Vater und ob er auch wüste wer ich bin! Also diese Sache war geklärt und es bestand kein Zweifel mehr. Die Wirtin war bei dieser Unterredung auch immer in der Nähe, so dass sie alles, wenn auch diskret, mit verfolgen konnte. Nun fragte ich ihn auch noch, ob er denn auch aus der Drücker Kolonne raus möchte, weil ich ja sonst gegen seinen Willen nichts unternehmen könne und er ja auch volljährig wäre. Natürlich wolle er da raus, aber da er schon so eingeschüchtert war, war es sehr schwierig ihn bei seiner Meinung zu halten und die Angst vor seinem Chef war wohl so groß, das er außer ja und nein nicht viel mehr heraus brachte. Ich machte mir Sorgen, wenn es vielleicht hart auf hart kommen würde, das er auch bei seiner Meinung bleibt und nicht etwa umfallen wird, dann wäre ja meine Mission am Ende und ich könnte unverrichteter Dinge heim fahren. Ich fragte ihn auch noch, ob er seinen Ausweis noch habe, oder ob man ihm den abgenommen hat. Da er glücklicher weise seinen Ausweis aber noch hatte, viel mir wieder ein Stein vom Herzen. Nun bat ich meinen Verwandten, seinen Chef zu holen, was er dann auch tat, obwohl es ihm, so glaubte ich zu mindestens, nicht besonders wohl dabei war. Gespannt erwartete ich nun diesen Menschen, der so eine einschüchterne Macht über seine Leute haben musste, das sie nicht im Stande waren, sich von selber aus dieser „Gefangenschaft“ zu befreien. Noch immer machte sich die Wirtin in der Wirtsstube etwas zu schaffen, zwar ohne großes Aufsehen, aber trotzdem war sie präsent und nicht zu übersehen. Nun kamen beide herein, der Chef voraus und hinterher mein Verwandter. Ich war etwas enttäuscht, denn ich hatte mir eigentlich einen großen, kräftigen Mann mit Angst einflößendem Aussehen vorgestellt, aber stattdessen kam ein kleiner, eher sympathischer junger Mann mit korrekt gekleidetem Aussehen auf mich zu, um mich zu begrüßen. Ich war die Ruhe selbst, erwiderte seinen Morgengruß und kam sofort auf den Grund meines Daseins. Ruhig und besonnen sagte ihm, das ich den Auftrag der Mutter meines Verwandten erhalten habe, ihren Sohn mit nach hause zu bringen und ich diesen Auftrag jetzt und hier ausführen werde. Nun begann eine sehr aufgeregte Ansprache von Seiten dieses kleinen freundlichen Mannes, das sich in ein wildes gestikulierendes und herum fuchtelndes Wesen verwandelte. Er warf mit Argumenten herum, wie viel er in seine Leute investiert hat und an Unkosten hätte und nun wo er endlich einen Erfolg erreicht habe, kann er sie nicht einfach gehen lassen und außerdem sei er ja Volljährig und benötige keinen Vormund. Für mich war dieser Satz natürlich sehr entgegenkommend und so fragte ich sofort den Jungen, ob er bei seiner Truppe bleiben möchte, oder mit mir nach Hause kommen wolle. Sehr kleinlaut und eingeschüchtert, aber trotzdem doch noch vernehmbar, sagte er doch, das er aussteigen möchte. Also sagte ich, sie haben es gehört und dazu habe ich auch noch einen Zeuge, da ja die Wirtin immer noch anwesend war. Nun verwandelte sich mein Gegenüber zu einem wahren Monster, denn er fing an zu schreien, mit den Fäusten auf die Tische zu schlagen und sein Gesicht verfärbte sich zu einer roten glühenden Melone. Die Wirtin verschwand sofort in den Flur, oder einen Nebenraum, wahrscheinlich wollte sie nicht Zeuge einer tätlichen Auseinandersetzung sein. Ich blieb trotz allem, was mich heute noch wundert, sehr ruhig und gelassen und ließ mich durch das ganze aufgeblasene Gehabe nicht aus der Fassung bringen. Trotzdem dachte ich immer, was mache ich, wenn er mich jetzt angreift? Angst verspürte ich in diesem brisanten Augenblicken komischer weise eigentlich nicht, vielleicht auch deshalb, weil er mir ja körperlich nicht überlegen schien und ich mich, so glaubte ich zu mindestens, doch ganz gut verteidigen könne. Bei einer kleinen Pause seines Wutanfalls, sagte ich zu Ihm, außerdem weiß die Polizei bereits bescheit, falls Sie also Schwierigkeiten machen würden, genüge nur ein Anruf um die Sache hier zu klären. Zu meinem Verwandten sagte ich, geh und hole deine Sachen und was dir noch gehört, wir fahren jetzt zu Deiner Mutter. Zu seinem Chef sagte ich er könne ja seine Ansprüche an den Jungen schriftlich einklagen, denn damit habe ich nichts zu tun, denn mein Auftrag ist den Jungen hier heraus zu holen und das mache ich jetzt. Natürlich gab er sich mit meinen Äußerungen nicht zu frieden, sonder tobte weiter, das man immer gleich mit der Polizei drohe, dabei seien sie doch ganz ehrliche Vertreter, aber immer werden sie gleich mit anderen unseriösen Vertretern über einen Kamm geschoren. Inzwischen kam auch der Junge mit seinen Sachen wieder herein und stand hilflos an der Türe. Ich sagte bloß zu ihm, hast du alles? Als er es dann bejahte, sagte ich, also dann lass uns gehen und alles andere können sie ja über ihren Anwalt klären. Ich drehte mich um und wir verließen den Raum. Auf dem Flur begegneten wir noch der Wirtin, von der wir uns noch verabschiedeten und ich mich noch für ihre Hilfe bedankte. Erst als wir das Haus verlassen hatten und die Strasse erreichten, war es wie eine Erlösung und ich genoss die frische kühle Morgenluft wie eine neue Geburt. Aller Stress und alle angestauten Aggressionen vielen von mir ab und ich wusste nicht mehr, ob es alles nur ein böser Traum, oder reale Wirklichkeit war. Auf alle Fälle fuhren wir glücklich und ein wenig stolz nach hause, das heißt, wir hielten unterwegs noch an einer Telefonzelle an, von der nun mein „freier Junge“ seine Eltern anrief um ihnen seine Befreiung mitteilen zu können. Am Abend rief mich noch mal seine Mutter an und bedankte sich überglücklich für meinen unbezahlbaren Einsatz. Hinterher war ich doch auch sehr erleichtert, das alles so glimpflich ausgegangen ist und die ganze Aktion nicht eskaliert ist, denn wer weiß, wie es dann wohl ausgegangen wäre und ich möchte auch gar nicht daran denken. Die Erlebnisse die der Junge in der Zeit bei dieser Truppe gemacht hat, wird er wohl auch nicht mehr vergessen und vielleicht werde auch ich, in seine Erinnerung mit eingeschlossen sein. Nach ein paar Tagen Urlaub bei uns, fuhr er dann wieder zurück in seine Heimat nach Österreich, wo er mit großer Sehnsucht und Freude erwartet wurde. In zwischen ist auch er bereits verheiratet und vielleicht schreibt auch er einmal seine Erlebnisse aus der Drücker –Truppe auf. Die Erfahrungen, die er in dieser kurzen Zeit gemacht hat, reichen allemal für eine eigene Story.
 
M., Dezember 2006 
 
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