Der Sägeunfall 
 
( von D. D. )
 
Wir waren erst jung Verheiratet, hatten ein Kind und so fehlte uns das Geld an allen Ecken und Enden. Alles was wir uns mühsam zusammen gespart hatten, ging für die Wohnungskaution, sowie die Anschaffung von notwendigen Möbeln drauf. Da ich als Bäcker in einer Großbäckerei arbeitete, hatte ich sehr früh Feierabend und so lag es ziemlich nahe, sich noch nach einem weiteren Job umzuschauen. Im Gegensatz zu Heute, war es kein großes Problem eine Zweit – Arbeit zu bekommen. Ich suchte mir daher Arbeit in einem mittleren Betrieb für die Holzverarbeitung. Es wurden Bretter zu verschiedenen Teilen verarbeitet, wie z.B. übergroße Verpackungskisten für Maschinen oder größere Werkzeuge. Die Arbeitsstelle lag nicht weit von unserer Wohnung entfernt, so das ich nach meinem frühen Feierabend in der Bäckerei, gleich in eine andere Arbeitskluft zu schlüpfen, um in der anderen Firma weiter arbeiten. Da ich fast den ganzen Nachmittag zur Verfügung hatte, sammelten sich dadurch einige Stunden auf meinem Stundenkonto an. Dieser zusätzliche Verdienst, war für uns eine wirkliche Hilfe, und außerdem gefiel mir die Arbeit noch ganz gut. Zudem war die Beschäftigung auch ein richtiges Gegenstück zu meiner Arbeit in der Bäckerei. Natürlich hatte mich der Chef ordnungsmäßig angemeldet und auch Kranken versichert, so dass alles seine Ordnung hatte. Da ich schon eine ganze Zeit in dieser Firma arbeitete, war ich auch längst mit allen Maschinen die für die Bearbeitung zur Verfügung standen längst vertraut. Die anfängliche Angst vor all diesen lauten und Furcht erregenden Monstern, war bald vergessen und der Umgang mit ihnen wurde zu einer Selbstverständlichkeit. Als ich wieder einmal die Bandsäge bediente, um Bretter in ihrer Länge zu durchtrennen, passierte es plötzlich. Ich hatte das Brett bereits bis auf einige wenige Zentimeter durchsägt, als ich plötzlich einen Widerstand beim sägen spürte. Ich drückte das Brett, das ich mit beiden Händen durch die Säge schob, mit verstärkter Kraft, um auch noch den Rest des Brettes durchsägen zu können. Es gab einen kleinen Ruck, es fühlte sich an, als ob man sich die Finger an einer Tischkante oder etwas ähnlichem anschlagen würde. Trotzdem war mir augenblicklich klar, dass etwas passiert sein musste. Automatisch schaute ich auf meine rechte Hand. Kein Blut, kein Schmerz, nichts der gleichen, aber drei Finger der rechten Hand, also Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger, genau die Finger, die das Brett geschoben hatten, zeigten weiße blutleere Fingerspitzen, die sich nun allmählich mit Blut zu füllten begannen. Als ich meinen ersten Schock überwunden hatte, stellte ich noch die Maschine ab, versteckte meine blutende Hand unter meiner Jacke und ging zu meinem Kapo. Ich zeigte ihm meine Hand, die inzwischen bereits ziemlich gefährlich aussah, weil ja das ganze Blut über die Hand gelaufen war und dadurch schlimmer aussah, als es eigentlich war. Der Anblick von meiner Hand muss wohl meinen Kapo so Schockiert haben, so das er nicht mehr wusste was er machen sollte, sondern anfing zu schimpfen und herum zufuchteln wie ein verrückter. Ich weiß nicht mehr genau die Zahl, die er gebrauchte, aber ich werde seine Worte sinngemäß nie vergessen. Ich arbeite schon so und soviel Jahre hier und so was ist mir noch nicht passiert, wie kann denn so was passieren. Ich weiß es auch nicht, es ist eben passiert und niemand macht so etwas nur aus lauter Freude und Übermut. Ich hatte Glück, denn gleich neben unserem Betrieb hatte ein Arzt seine Praxis und ich ging auch sofort mit meiner provisorisch verbundenen Hand hinein. Ich musste trotzdem eine Weile warten, denn der Arzt hatte gerade einen Patienten in seinem Behandlungszimmer. Meine Hand haltend, setzte ich mich auf einen Stuhl und wartete darauf behandelt zu werden. Als plötzlich die Türe auf ging und ich meinen Augen nicht traute, ein Arbeiter unser Firma brachte plötzlich meinen Kapo stützend und schwer blutend in das Wartewimmer. Weiß wie die Wand und so wurde er, da er ja sehr schwer verletzt war sofort in die Praxis geführt. Ich dagegen, der ja zu erst zur Behandlung drangekommen wäre, musste sehr lange warten, bis man meinen Kapo versorgt hatte. Als bei mir alles Blut entfernt und die Hand gereinigt war, sah alles wieder viel besser aus und ich konnte mir eine kleine Schadenfreude nicht verkneifen. Meine Fingerkuppen heilten verhältnismäßig schnell, denn ich war ja noch jung und gesund. Meinem Kapo dagegen ging es sehr schlecht, denn er hatte sich bedeutend schlimmer verletzt und auch von der Heilung her war es sehr kompliziert. Ich suchte mir nach meiner Heilung ein anderes Geschäft, aber als ich viel später wieder einmal die alte Firma besucht, sagte man mir, das die Verletzungen bei dem Kapo einfach nicht heilen wollen und er immer noch nicht arbeiten kann. Ich nehme an, dass er seine Arbeit nicht wieder aufgenommen hat, da er ja zu der Zeit bereits in einem Alter war, das auf eine baldige Rente schließen ließ. Für mich war dieses Erlebnis eine große Lehre, denn man sollte nie sagen, mir kann so etwas nicht passieren. An meinen Fingern ist Gott sei Dank nichts mehr von dem Unfall zu sehen und ich bin froh, das alles so glimpflich abgegangen ist. Wenn ich heute noch an dieses Erlebnis denke, ist es für mich, trotz der ganzen Tragik, immer wieder eine kleine innere Befriedigung.
 
M., November 2006   
  
  --------------------     -----------------